In vielen Strafverfahren gibt es keine objektiven Beweise. Keine Videoaufnahmen, keine unbeteiligten Zeugen, keine eindeutigen Spuren. Was bleibt, sind zwei sich widersprechende Aussagen. Genau diese Konstellation wird als Aussage gegen Aussage bezeichnet. Sie ist im Strafrecht eine der schwierigsten Beweissituationen und in keinem Rechtsgebiet so häufig wie im Sexualstrafrecht.
Dieser Beitrag erklärt, was eine Aussage-gegen-Aussage-Konstellation bedeutet, welche Anforderungen Gerichte an die Beweiswürdigung stellen und warum eine engagierte Verteidigung in diesen Fällen besonders wichtig ist.
Was bedeutet Aussage gegen Aussage?
Eine Aussage-gegen-Aussage-Konstellation liegt vor, wenn der einzige Belastungsbeweis gegen den Beschuldigten die Aussage eines einzelnen Zeugen ist und der Beschuldigte die Tat bestreitet. Es gibt also keine weiteren Beweismittel, die unabhängig die Darstellung des Belastungszeugen stützen oder die Darstellung des Beschuldigten widerlegen würden.
Diese Konstellation tritt vor allem in folgenden Bereichen auf:
- Sexualstrafrecht, insbesondere bei Vorwürfen sexueller Übergriffe
- Häusliche Gewalt zwischen Partnern
- Streitigkeiten im persönlichen Umfeld ohne Zeugen
- Konflikte am Arbeitsplatz oder im sozialen Umfeld
Gerade weil andere Beweismittel fehlen, wird die Glaubwürdigkeit der Beteiligten zum entscheidenden Faktor. Das stellt sowohl an die Ermittlungsbehörden als auch an die Gerichte besondere Anforderungen.
Warum ist diese Konstellation im Sexualstrafrecht so häufig?
Sexualdelikte werden in der Regel nicht in der Öffentlichkeit begangen. Es gibt selten Zeugen, oft keine objektiven Spuren und die Tat selbst liegt häufig schon längere Zeit zurück, wenn die Anzeige erstattet wird. Hinzu kommt, dass viele Vorfälle in privaten Kontexten stattfinden, etwa zwischen Partnern, Bekannten oder Kollegen.
In diesen Konstellationen steht die Aussage der mutmaßlich geschädigten Person der Aussage des Beschuldigten gegenüber. Beide schildern ihre Version, oft mit erheblichen Widersprüchen oder unterschiedlichen Erinnerungen. Für die Strafverfolgung bedeutet das eine schwierige Beweislage.
Die Folge: Die Beweiswürdigung durch das Gericht steht im Mittelpunkt des gesamten Verfahrens. Genau hier setzt die Verteidigung an. Weitere Hintergründe zur Verteidigung bei diesen Vorwürfen finden Sie in unserem Beitrag zum Vorwurf im Sexualstrafrecht.
Welche Anforderungen stellen Gerichte an die Beweiswürdigung?
Der Bundesgerichtshof hat in zahlreichen Entscheidungen klargestellt, dass an die Beweiswürdigung in Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen besonders hohe Anforderungen zu stellen sind. Das Gericht muss die Aussage des einzigen Belastungszeugen einer besonders sorgfältigen Glaubhaftigkeitsprüfung unterziehen.
Zentrale Prüfkriterien sind unter anderem:
- Konstanz der Aussage über verschiedene Vernehmungen hinweg
- Detailreichtum und Plausibilität der Schilderung
- Vorhandensein typischer Erlebnismerkmale
- Motivation für eine mögliche Falschaussage
- Aussagepsychologische Konstanz der Schilderung
- Übereinstimmung mit objektiven Begleitumständen
Das Urteil muss erkennen lassen, dass das Gericht sich mit allen relevanten Aspekten auseinandergesetzt hat. Tut es das nicht, kann das Urteil im Revisionsverfahren aufgehoben werden, was in der Praxis nicht selten vorkommt.
Die Bedeutung der Verteidigung in dieser Konstellation
Gerade weil in Aussage-gegen-Aussage-Fällen alles von der Beweiswürdigung abhängt, kommt der Verteidigung eine außerordentliche Bedeutung zu. Eine engagierte Verteidigung kann dafür sorgen, dass:
- die Aussage des Belastungszeugen kritisch hinterfragt wird
- Widersprüche in den verschiedenen Vernehmungen aufgedeckt werden
- mögliche Motive für eine Falschaussage thematisiert werden
- aussagepsychologische Gutachten eingeholt werden
- entlastende Zeugen und Beweise eingebracht werden
- die Anforderungen der Rechtsprechung an die Beweiswürdigung geltend gemacht werden
Ohne aktive Verteidigung droht in diesen Fällen oft eine Verurteilung, die im Nachhinein schwer zu korrigieren ist. Mit fundierter Strafverteidigung lassen sich dagegen Freisprüche oder Verfahrenseinstellungen erreichen, auch in vermeintlich aussichtslosen Konstellationen.
Was sollten Beschuldigte tun?
Wer mit einem Vorwurf konfrontiert ist, der auf einer Aussage-gegen-Aussage-Konstellation beruht, sollte folgende Grundsätze beachten:
- Keine Aussage ohne anwaltliche Vorbereitung machen
- Keine direkten Kontaktversuche mit der mutmaßlich geschädigten Person
- Kommunikation wie Nachrichten und Chats sichern, soweit vorhanden
- Mögliche entlastende Zeugen frühzeitig benennen
- So früh wie möglich einen Strafverteidiger einschalten
Eine spontane Reaktion oder gut gemeinte Erklärung kann die Verteidigungsposition erheblich schwächen. Auch der Versuch, die Sache mit der mutmaßlich geschädigten Person zu klären, kann strafrechtlich gefährlich werden, etwa weil daraus der Vorwurf der Nötigung oder Bedrohung abgeleitet werden könnte.
Aussagepsychologische Gutachten
Ein besonderes Instrument in Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen ist das aussagepsychologische Gutachten. Es prüft die Glaubhaftigkeit einer Aussage anhand wissenschaftlicher Kriterien. Solche Gutachten kommen vor allem dann in Betracht, wenn besondere Umstände vorliegen, etwa bei jungen Zeugen, bei psychischen Erkrankungen oder bei Hinweisen auf Beeinflussung der Aussage.
Ob ein solches Gutachten in einem konkreten Verfahren sinnvoll und durchsetzbar ist, hängt vom Einzelfall ab. Die Beantragung gehört zu den wichtigen strategischen Entscheidungen, die nur mit fundierter Akteneinsicht getroffen werden können.
Häufige Fragen zu Aussage gegen Aussage
Was bedeutet Aussage gegen Aussage?
Eine Aussage-gegen-Aussage-Konstellation liegt vor, wenn der einzige Belastungsbeweis die Aussage eines einzelnen Zeugen ist und der Beschuldigte die Tat bestreitet. Es gibt keine weiteren objektiven Beweise.
Kann jemand auf reiner Aussage hin verurteilt werden?
Ja, das ist grundsätzlich möglich. Allerdings stellt der Bundesgerichtshof besonders hohe Anforderungen an die Beweiswürdigung. Das Gericht muss die Glaubhaftigkeit der Aussage sorgfältig prüfen und im Urteil nachvollziehbar begründen.
Wann wird ein aussagepsychologisches Gutachten eingeholt?
Wenn besondere Umstände vorliegen, etwa bei jungen Zeugen, bei psychischen Erkrankungen oder bei Hinweisen auf eine Beeinflussung der Aussage. Die Beantragung ist eine strategische Entscheidung der Verteidigung.
Sollte ich die Sache mit der anzeigenden Person direkt klären?
Nein. Direkte Kontaktversuche können strafrechtlich gefährlich werden, etwa weil daraus der Vorwurf der Nötigung oder Bedrohung abgeleitet werden könnte. Jede Kommunikation sollte über den Anwalt laufen.
Wie wichtig ist die Verteidigung in diesen Fällen?
Sie ist entscheidend. Da alles von der Beweiswürdigung abhängt, kann eine engagierte Verteidigung Widersprüche aufdecken, Glaubhaftigkeitsfragen aufwerfen und entlastende Aspekte einbringen. Ohne aktive Verteidigung droht oft eine Verurteilung.
Jetzt die Verteidigung von Beginn an in die richtigen Hände legen
Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen sind eine der anspruchsvollsten Situationen im Strafrecht. Wer mit einem solchen Vorwurf konfrontiert ist, braucht eine Verteidigung, die mit den hohen Anforderungen der Rechtsprechung vertraut ist und die strategischen Möglichkeiten kennt. Als Strafverteidiger in Berlin prüfe ich die Aussage des Belastungszeugen, decke Widersprüche auf und entwickle eine Verteidigungsstrategie, die auf das bestmögliche Ergebnis ausgerichtet ist. Über das Kontaktformular können Sie unkompliziert eine vertrauliche Anfrage stellen.






